Bei einer Tonaufnahme ist das Mikrofon fast immer die erste technische Komponente in der Signalkette. Neben dem Instrument und dem Musiker, definiert es maßgeblich den Sound des aufgenommenen Signals. Welches Mikrofon für welche Situation geeignet ist, hängt oft stark von verschiedenen Einflussfaktoren, wie z.B. der Richtcharakteristik, ab. Diese Faktoren werden wir in diesem Beitrag etwas genauer unter die Lupe nehmen, damit du in stressigen Aufnahmesituationen auch zum richtigen Mikrofon greift.

Das Mikrofon ist eines DER Hauptwerkzeuge eines Tontechnikers. Es ist dafür verantwortlich den Klang eines Instrumentes in der bestmöglichen Auflösung einzufangen und über den Mikrofonvorverstärker und den AD-Wandler an deinen Recording-PC zu schicken. Um genau das zu gewährleisten, haben verschiedenste Hersteller bestehende Konzepte und Bauweisen im Laufe der Zeit weiterentwickelt und es damit möglich gemacht, vormals teure Systeme auch für Homerecordinganwender erschwinglich zu machen.

1. Mikrofontypen


Der erste Eigenschaft, die die Wahl eines geeigneten Mikrofons beeinflusst, ist dessen Bauart. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Methoden entwickelt, Schall in elektrische Spannung umzuwandeln, auf die wir heutzutage im Studioalltag in Form von unterschiedlichen Mikrofontypen zurückgreifen können.

1.1 Dynamisches Mikrofon


Das dynamische Mikrofon ist der wohl bekannteste und am weitesten verbreitete Vertreter der Gattung der Schallwandler. Das Funktionsprinzip bedient sich dabei der elektrischen Induktion, wobei der auftreffende Schall eine Mikrofonmembran und diese einen Magneten in einer Spule auf und ab bewegt. Durch diese Bewegung wird in der Spule eine elektrische Spannung induziert, die über das angeschlossene Kabel an den Mikrofonvorverstärker geschickt und dort verstärkt wird. Dynamische Mikrofone sind aufgrund ihrer einfachen Bauweise sehr robust und für Quellen mit hoher Lautstärke gut geeignet (z.B. Schlagzeug oder Gitarrenverstärker). Ein Nachteil ist der oft stark nichtlineare Frequenzgang und eine nicht ganz so detaillierte Auflösung, wie sie z.B. Kondensatormikrofone bieten.

1.2 Großmembran Kondensatormikrofon


Kondensatormikrofone nutzen ein weiteres Prinzip aus der Elektrotechnik, nämlich die elektrische Kapazität. Dabei ist die Membran des Mikrofons eine nach außen gelegte Elektrode eines Kondensators. Trifft nun Schall auf diese Membran auf, bewirkt das eine Abstandsänderung zwischen den beiden Kondensatorelektroden, was wiederum dessen Kapazität verändert und sich als Spannungsänderung äußert. Diese Spannungsänderung kann dann vom Mikrofonvorverstärker weiterverarbeitet werden. Als Großmembran-Kondensatormikrofon bezeichnet man üblicherweise Kapseln mit Membrandurchmessern von größer oder gleich 1 Zoll (= 2,54 cm). Dieser Mikrofontyp hat oft eine deutliche, für das jeweilige Modell typische Klangfärbung.

1.3 Kleinmembran Kondensatormikrofon


Das Kleinmembran-Kondensatormikrofon arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie das Großmembranmikrofon, wobei die Mikrofonkapsel meist einen Membrandurchmesser von kleiner als 1 Zoll (2,54 cm) aufweist. Durch die kleinere Membran können höhere Frequenzen leichter korrekt abgebildet werden, da sich das Mikrofon dem punktförmigen Ideal annähert. Das wiederum führt zu einem weitgehend linearen Frequenzgang bis weit über 15 kHz, weshalb bei Musikproduktionen, bei denen es auf klangliche Authentizität ankommt, nahezu ausschließlich Kleinmembranmikrofone eingesetzt werden. Im Homerecording-Bereich sind sie ideal für Instrumente geeignet, die in hohen Frequenzen ein sehr detailliertes Klangbild aufweisen, wie z.B. Akustikgitarren oder Schlagzeugbecken.

1.4 Bändchenmikrofon


Bändchenmikrofone sind ein weiterer Vertreter der dynamischen Mikrofone, nutzen also auch das Prinzip der elektrischen Induktion. Dabei wird ein im zig-zag gefaltetes, hauchdünnes Aluminiumbändchen zwischen den Polen eines Permanentmagneten eingespannt. Wenn Schall auf dieses Bändchen auftrifft, bewegt es sich zwischen den beiden Polen. Dabei wird eine Spannung induziert, die an den Enden des Aluminiumstreifens abgegriffen und durch einen Übertrager verstärkt wird. Anschließend kann sie vom Mikrofonvorverstärker weiterverarbeitet werden. Bändchenmikrofone reagieren empfindlich auf Wind, Erschütterungen und schnelle Bewegungen. Außerdem ist der Nahbesprechungseffekt bei tiefen Frequenzen recht deutlich ausgeprägt. Den Klang kann man als voll, rund und warm bezeichnen, weshalb diese Mikrofone unter erfahrenen Tontechnikern für ihren charaktervollen Sound beliebt sind.

1.5 Röhrenmikrofon


Das Röhrenmikrofon ist eigentlich ein Großmembran-Kondensatormikrofon, welches eine Röhre als zusätzliches Bauteil besitzt. Entwickelt von Georg Neumann, genießen alte Röhrenmikrofone, wie z.B. das Neumann U47 oder das U67 aus gleichem Hause, einen legendären Ruf unter Klangenthusiasten. Da soundfärbende Produkte im modernen Recording wieder vermehrt eine Rolle spielen, aber Mikrofone wie die vorhin erwähnten Neumänner fürs Homerecording schlichtweg zu teuer sind, bieten einige Hersteller, wie z.B. Thomann, auch im unteren Preissegment schon gute Röhrenmikrofone an. Zudem werden u.a. von Slate Digital solche Mikrofonklassiker auch digital nachmodelliert.

2. Richtcharakteristik


Eine weitere wichtige Eigenschaft, die die Auswahl eines geeigneten Mikrofons beeinflusst, ist die Richtcharakteristik. Sie gibt an, wie laut der Schall aus unterschiedlichen Richtungen vom Mikrofon aufgenommen wird. Diese Eigenschaft kann eingesetzt werden, um bestimmte Elemente im aufgenommenen Signal gezielt abzuschwächen. Da sie aber frequenzabhängig ist, gelten die Polardiagramme nicht für das ganze Frequenzspektrum.

2.1 Niere


Die am häufigsten benutzte Richtcharakteristik ist die Nierenform. Ob live oder im Studio, Mikrofone mit dieser Charakteristik werden in allen erdenklichen Situationen eingesetzt. Sie nehmen Schall, der seitlich oder von hinten auf das Mikrofon auftrifft, nur in abgeschwächter Form auf. Ein typisches Einsatzgebiet in Livesituationen wäre z.B. ein Gesangsmikrofon mit einer zentral dahinter stehenden Monitorbox, deren Sound im aufgenommenen Signal weitgehend ausgeblendet werden soll. So können u.a. unangenehme Rückkopplungen vermieden werden. Im Studio werden Mikrofone mit Nierencharakteristik z.B. bei der Mikrofonierung eines Schlagzeugs eingesetzt. Durch eine geeignete Positionierung des Mikrofons, kann so z.B. die Hi-Hat im Snare-Signal effektiv unterdrückt werden.

2.2 Hyperniere


Die Hyperniere ist eine Abwandlung der normalen Niere, bei der Schall, der direkt hinten am Mikrofon auftrifft, nicht unterdrückt wird. Am effektivsten wird bei dieser Form der Schall seitlich hinter dem Mikrofon ausgeblendet (ca. 30° links und rechts). Eine Hyperniere hat in manchen Situationen Vorteile gegenüber einer einfachen Niere: z.B. bei der Verwendung zweier Monitore hinter einem Gesangsmikrofon, oder wenn das Snare-Mikrofon nicht unter der Hi-Hat platziert werden kann, diese aber trotzdem bestmöglich ausgeblendet werden soll.

2.3 Superniere


Die Superniere ist eine Mischform aus Niere und Hyperniere, wobei der schallaufnehmende Bereich hinter dem Mikrofon etwas kleiner ist. Die größte Ausblendung ist, wie bei der Hyperniere, links und rechts hinter dem Mikrofon. Mikrofone mit Supernierencharakteristik kann man in ähnlichen Situationen wie Mikrofone mit Hypernierencharakteristik nutzen.

2.4 Breite Niere


Die breite Niere ist eine Mischform aus Kugel- und Nierencharakteristik. Sie vereint den offenen Klang einer Kugelcharakteristik mit der effektiven, rückseitigen Schallunterdrückung der Nierencharakteristik. Mikrofone mit breiter Niere sind im Livebereich eher für leise Bühnen geeignet, da sie doch relativ viel Umgebungsschall aufnehmen – z.B. bei Akustikgigs oder Orchesteraufnahmen. Im Studio sind hier aber keine Grenzen gesetzt wie und wo man Mikrofone mit dieser Charakteristik einsetzt.

2.5 Kugel


Mikrofone mit Kugelcharakteristik nehmen Schall von allen Seiten gleich gut auf und werden z.B. oft bei Sprachanwendungen als Anstecker, Headset oder auch als Handmikrofone in Interview-Situationen eingesetzt. Im Studio werden sie häufig bei Aufnahmen von Orchestern oder größeren Ensembles verwendet, da dort der Raumklang, den das Mikrofon miteinfängt, oft ein gewünschter Bestandteil des Signals ist. Eine Kugelcharakteristik kannst du aber auch in vielen anderen Situationen als Alternative zur Niere benutzen, sofern du in einem gut klingendem Raum aufnimmst.

2.6 Acht


Bändchenmikrofonen haben bauartbedingt die Form einer Acht als Richtcharakteristik. Dabei werden Signale von vorne und von hinten mit gleicher Intensität aufgenommen. Auch Kondensatormikrofone bieten oft die Möglichkeit zwischen mehreren Charakteristiken, u.a. der Acht, hin- und herschalten zu können. Bei manchen Mikrofonierungsverfahren, wie z.B der M/S Mikrofonie oder der Blumlein-Technik, ist diese Charakteristik auch unbedingt notwendig, um zum gewünschten Ergebnis zu gelangen.

2.7 Keule


Mikrofone mit der Richtcharakteristik Keule haben eine sehr ausgeprägte Richtwirkung und werden deshalb oft einfach „Richtmikrofone“ genannt. Diese Bauweise ist ideal für Sprachaufnahmen oder Interviews in sehr lauten Umgebungen. Bei Aufnahmen mit der Tonangel am Filmset werden auch meist Mikrofone mit Keulencharakteristik eingesetzt. Von allen Richtcharakteristiken blenden diese Formen Schall von der Seite am effektivsten aus. Mikrofone auf Camcodern haben auch sehr häufig eine Keulencharakteristik.

3. Zusätzliche Funktionen und Eigenheiten


Mikrofone haben gewisse Eigenheiten: Sie reagieren z.B. unterschiedlich auf eintreffenden Schall oder heben manche Frequenzen verstärkt hervor. Einige Hersteller bieten bei ihren Produkten zudem zusätzliche Funktionen an, um die Mikrofone noch vielseitiger zu machen.

3.1 Frequenzgang


Abgesehen von der Performance und der Wahl eines geeigneten Instruments, kannst du mit dem passenden Mikrofon den aufzunehmenden Sound schon in eine gewisse Richtung lenken, noch bevor du einen Equalizer benutzt. Dies beruht auf der Tatsache, dass die meisten Mikrofone keinen exakt linearen Frequenzgang haben und daher bestimmte Frequenzen überbetont aufgenommen werden. Diese Eigenschaft kannst du nun gezielt einsetzen, um das Mikrofon als klangformendes Element zu verwenden. Al Schmitt z.B. bewerkstelligt die Frequenzstaffelung in seinen Mischungen fast nur mit der Wahl und der Positionierung seiner Mikrofone.

3.2 Signaldämpfung (PAD)


PAD steht für Passive Attenuation Device, wobei Passive für eine elektronische Schaltung steht, die außer dem anliegenden Signal keine zusätzliche Energie benötigt. Attenuation steht für Dämpfung und Device für Gerät oder VorrichtungViele Mikrofone bieten die Möglichkeit, das eingehende Signal mit einem PAD-Schalter um einen gewissen Wert abzudämpfen – üblicherweise zwischen 5 und 20 dB. Das kann von Vorteil sein, wenn die Schallquelle einen zu hohen Ausgangspegel für das Mikrofon hat. Dieser äußert sich meist in unangenehmen Verzerrungen im aufgenommenen Signal.

3.5 Mikrofonposition und Neigungswinkel


Aufgrund der Richtcharakteristik haben Mikrofone die Eigenschaft, dass gewisse Frequenzen nicht mehr so effektiv übertragen werden, wenn sich die Schallquelle aus der idealen Position wegbewegt. Das kannst du dir in manchen Situationen aber auch zunutze machen, um z.B. den Höhenanteil im Signal zu reduzieren. Dies wird häufig bei Aufnahmen von verzerrten Gitarrenverstärkern praktiziert. Auch durch den Neigungswinkel kann der Höhenanteil reduziert werden. Diesen Effekt kannst du z.B. bei Vocalaufnahmen einsetzten, um scharfe S-Laute gleich an der Quelle zu bändigen.

3.3 Hochpass (Low-Cut)


Bei Aufnahmen mit Mikrofonen können unerwünschte tief-frequente Störgeräusche die Signalqualität beeinträchtigen. Diese Störgeräusche können z.B. durch Trittschall, der sich über das Stativ auf das Mikrofon überträgt, hervorgerufen werden oder auch durch einen zu starken Nahbesprechungseffekt. Um diese Signalanteile gleich im Vorhinein zu unterdrücken, bieten einige Mikrofone die Möglichkeit einen Low-Cut, auch Trittschallfilter genannt, hinzuzuschalten. Dieser Filter arbeitet meist mit einer fixen Frequenz (z.B. 80 Hz).

3.4 Nahbesprechungseffekt


Der Nahbesprechungseffekt ist eine meist unnatürliche Überhöhung des Bassbereichs und tritt auf, wenn sich eine Schallquelle zu nah an der Mikrofonmembran befindet. Dieser Effekt ist meist unerwünscht, kann aber auch zur künstlerischen Gestaltung des Klangs eingesetzt werden. Am ehesten kommt er bei Vocalaufnahmen unangenehm zur Geltung und kann am einfachsten vermieden werden, indem der Sänger sich weiter vom Mikrofon wegstellt. Als Abstandhalter kannst du z.B. den obligatorischen Popschutz verwenden.

Fazit


Mit dem Verständnis der Klangeigenschaften der unterschiedlichen Mikrofontypen, kannst du deinen ganz eigenen Recording-Stil entwickeln und so den Sound deiner Aufnahmen prägen. Die Erfahrung die du dafür benötigst wirst du aber nicht von heute auf morgen erlangen – da hilft nur die Devise „Ausprobieren“. Versuche mit jedem Mikrofon, das du in die Hände bekommst, verschiedene Schallquellen aufzunehmen und finde heraus was gefällt und was nicht. So wirst du in den unterschiedlichsten Situationen immer schnell ein passendes Mikrofon parat haben, das die Arbeit nach deinen Vorstellungen erledigt. Noch mehr zum Thema Mikrofone findest du u.a. im Thomann Online Ratgeber.

Wenn du mehr Fragen zum Thema Recording hast, kannst du gerne in meinen Homerecording Beiträgen nach Antworten stöbern oder mein gratis E-Book „5 Tipps für einen erfolgreichen Start ins Homerecording“ herunterladen.

Beitragsbild: Pixabay
Quellen: Wikipedia (2017)Thomann (2017)